Überführungs- und Einhand-Ausbildungstörn Shikari von Warmond (NL) nach Berlin (16.6.-10.07.2013)

Der Traum von einer eigenen Segeljacht
Februar 2013, 25 Grad Celsius. Ich sitze im Schatten eines großen Mangobaums 8500 km von Berlin entfernt. Ich habe es vorgezogen, den Winter bei Freunden in der Wärme zu verbringen, nun plane ich den Sommer in meiner neuen Heimat Berlin.
Im letzten Herbst bin ich von Hamburg nach Berlin gezogen, ganz in die Nähe vom Wasser. Schon als kleiner Junge habe ich von einer Segelyacht geträumt. Hatte allerdings nie die Zeit und das Geld, mir eine zu kaufen. Aber jetzt so nahe am Wasser und ohne Boot?
Also google ich unter meinem Mango-Baum, von dem ich hoffe, das er mir bei der Hitze einen kühlen Kopf bewahrt und finde eine 8m Kielyacht „Defender 27“, in Warmond bei Den Haag. Ein Katzensprung nach Berlin in Relation zu meinem aktuellen Standort.
Es war das einzige Angebot, das mir vernünftig erschien. Die kleine Yacht stammte zwar aus dem Jahr 74, aber laut Beschreibung war alles, incl. Unterwasserschiff, Motor, Segel, Elektronik und Inneneinrichtung, zwischen 2003 und 2008 erneuert worden. Entscheidend aber war, dass ich mich nach Shape und Aussehen in die gut gehaltene Lady „Shikari“ verguckt hatte.
Shikari heißt Jagd- oder Weggefährtin auf Hindu – ein gutes Omen für mich. So wurde ich nach längerem E- Mail-Austausch mit Jan aus Den Haag handelseinig. Jan war Elektroingenieur, er liebte Boote mit traditionellem Shape und wollte den Kaufpreis als Anzahlung für einen Motorsegler aus Irland nutzen, in den er sich wiederum verliebt hatte. So sind wir alten Männer nun mal. Wir hängen unseren Kindheitsträumen nach, die wir uns in jungen Jahren aus Familien-, Geld- und Jobgründen nie erfüllen konnten. Es gilt dann, sich möglichst fit zu halten, um sie irgendwann doch noch realisieren zu können.
Die Frage war: wie bekomme ich Shikari von Warmond nach Berlin zum SCN? Den Landtransport lehnte ich, da teuer, spontan ab, aber viel wichtiger – unseemännisch. Ich beschäftigte mich intensiv mit der Inlandsroute über Holländische Kanäle, Maas, Rhein, Deutsche Kanäle. Mein neuer Vereinskamerad Grzegorz hatte zwei Jahre zuvor seine Yacht auf demselben Weg nach Berlin gebracht und bot mir bereitwillig Hilfe und sein gesamtes Kartenmaterial an. Die Zeit verging, im April das Eis kaum geschmolzen, der Mai war immer noch zu kalt zum Segeln.
Im Juni sagte ich mir: Moment mal, ich habe doch ein Segelboot gekauft und kein Motorboot!
Also entschied ich mich für die seemännische Variante– Staande Mastroute durch Holland bis Dollart/Emden, Nordsee, N/O-Kanal, Ostsee, Oder, Havel-Oder-Wasserstraße.
Ich ahnte nicht im Entferntesten, was da auf mich zu kam. Ich hatte zwar alle notwendigen Scheine und Lizenzen, aber erstens waren die vor langer Zeit erworben worden und zweitens war ich noch nie allein gesegelt! Mit einer Crew ist das einfach: Du gibst Kommandos, mindestens einer ist als Vorschoter für Segel und Trimm zuständig, ein anderer für Navigation und einen passionierten Smutje findet man meist auch noch. Aber ganz allein, das ist etwas anderes. Das wurde mir erst später klar…

Start in Den Haag am 16.6.2013
Ich bin mit der Bahn angereist und habe alle notwendigen Sachen, die mir einfielen und nützlich erschienen, auf einer klappbaren Sackkarre mitgebracht, incl. Kartenplotter mit Navionics-Karte S45 Gold (Nord-/Ostsee, Skagerrak-Kattegat) und Lifejackets. Jan ist auf dem Sprung nach Irland, um seine Lady seetüchtig zu machen und hat deshalb wenig Zeit, mich einzuweisen. Also bunkern wir am Samstagabend noch den notwendigen Proviant und dann geht es am Sonntag um 12:00h nach kurzer theoretischer Einweisung bei stahlblauem Himmel auch schon los. Der eisige NO-Sturm vom Vortag mit Böen von 6-8 bft. der uns in diesem Jahr auch im Juni noch heimsuchte, hat sich glücklicherweise etwas gelegt. Hinter dem kleinen Yachthafen setzen wir Segel und es geht zunächst über zwei kleinere Seen, die in die Kanäle der der Staande Mastroute münden. Diese Wasserstraße führt quer durch Holland. Schiffe werden vor Brücken und Schleusen sehr großzügig behandelt. Sie haben fast Vorfahrt vor dem Straßenverkehr – das gilt eben auch für Segelschiffe mit stehendem Mast –, damit man zwischendurch auch mal segeln kann.
Jan zeigt mir die ersten Handgriffe, erklärt mir im Schnelldurchgang Takelage, Motor, elektronische Geräte, Navigation – und natürlich Henry, meinen wichtigsten Kollegen an Bord – die elektrische Selbststeuerungsanlage. Letztere brauchen wir allerdings noch nicht, weil wir ja noch zu zweit sind, bis Amsterdam. Jan hat sich den Sonntag für mich frei genommen.
Aber nach kurzer Segeleinweisung ist auch schon wieder Schluss, da die offenen Gewässer zu Ende sind. Ja, ich war kurz am Steuer gewesen, war zwei Schläge gesegelt, aber ich kann nicht behaupten, dass ich alles begriffen habe. Ein Segelboot ist doch etwas komplizierter als ein Auto oder Motorboot. Wind, Wellen, Strömung, Segel, Tiefgang, Navigation, Zeichen, Verkehr – alles auf einmal – alles schwer zu begreifen – da braucht man Routine – und die habe ich nun allemal noch nicht. Ich bin viel zu sehr mit den Örtlichkeiten beschäftigt, als mich auf das Segeln konzentrieren zu können.
Gegen 19:00 h sind wir im Nieuwe Meer, der Wasserpforte nach Amsterdam. Hier vor der Großstadt gelten andere Vorfahrtsregeln. Wir müssen gemeinsam mit anderen Seglern vor Autobahn- und Eisenbahnbrücke warten, bis wir nach Mitternacht Einlass in die Stadt erhalten. Ich bringe Jan noch zum Bus, mit dem er die knapp 40 km nach Den Haag zurückfahren will. Jetzt bin ich das erste Mal mit Shikari alleine, natürlich etwas aufgeregt vor der Passage durch die große Stadt. Werde ich die Anweisungen auf Holländisch auf Kanal VHF 22 verstehen? Wie wird das im Konvoi mit 6 anderen Segeljachten durch die engen Kanäle funktionieren? Das erste Mal durch eine Schleuse….
Langes Warten. Einheimischen Segler berichten von einer Durchsage auf VHF 69, die ich nicht mitbekommen habe: Abfahrt um 0:55h. Um 0:30 Lautsprecher-Durchsage: Brücke öffnet um 01:05. Ich merkte, hier muss ich mich nur nach den anderen richten, alles ganz einfach. Erst öffnet die Autobahnbrücke, dann die Eisenbahnbrücke, dann durch die Nieuwe Meersluis. Geschafft – eigentlich nicht so schwierig. Danach geht es mehr um einen Wettstreit, wer die beste Position vor der zu öffnenden Brücke erwischt, ja nicht zu früh, dann gibt es Gerangel, die ersten müssen sich wieder rückwärts bewegen. 10 weitere Brücken sind zu nächtlicher Stunde zu durchfahren. Am Schluss Warten vor der gewaltigen Eisenbahnbrücke in der Nähe des Hauptbahnhofs. Um 3:10 h nach der letzten Westerkanal Sluis ist es geschafft. Festmachen an der Spundwand direkt an der Straße. Am nächsten Morgen kommt Jan noch einmal mit dem Auto angefahren. Er hatte tags zuvor meine Navionics Karte installiert und festgestellt, dass sie nur die Norwegische Küste abbildet. Beim größten holländischen Sport-Schiffsausrüster gibt es dann Entwarnung: Der Chip passt, Jan hatte ihn offensichtlich nur falsch installiert. Ich nutze die Gelegenheit, mich mit den entsprechenden Seekarten für Nord- und Ostsee einzudecken. Ein Glück, wie sich später herausstellt.
Jan hatte mir vorsorglich die Karten und Beschreibungen für die Staande Mastroute besorgt. Er verabschiedet sich schmunzelnd in seinem holländischen Dialekt: „Nun hast du alles. Du hast ein gutes Schiff bekommen zum Preis meiner Radaranlage. Good luck!“

Nach kurzem Plausch mit Angelika und Günther, die letzte Nacht mit einem Original Plattbodenschiff ebenfalls dem Konvoi gefolgt und auf dem Weg von Frankreich nach Berlin sind, geht es um 13:30 h weiter, eigentlich viel zu spät für den langen Törn, den ich noch vor mir habe.
Die letzte Amsterdamer Brücke öffnet sofort, dann geht es ostwärts durch den Amsterdamer Hafen: Navigation auf Sicht vorbei an den riesigen Hafenbecken und Kreuzfahrern. Vor der Oranjensluis aufpassen, für Sportschiffe die Nordschleuse benutzen, dann Passage zum Markermeer. Der Wind, der in der Stadt gezähmt war, erreicht hier beachtliche 5-6 bft. und das gleich am ersten Tag? Aber ich will endlich segeln.
Wie war das noch, welches Ende für die Rollfock, welches für das Groß? Das Wasser wird kabbeliger und der Wind legt merklich zu, je weiter ich mich von der Landabdeckung entferne. Es bläst mir voll ins Gesicht, genau aus NNO, wo ich hin will. Das Boot tanzt mit mir im Kreis sowie ich die Pinne loslasse. Shikari gebärdet sich wie eine aufgeregte Stute mit geblähten Nüstern. Sie will sich partout noch nicht an meine Hand gewöhnen. Aber ich muss sie beherrschen, auf ihr herumtanzen, Ruder loslassen, aufs Vordeck, um Genua und Groß klar zu machen. Ich nähere mich bedenklich einer Landzunge auf Lee. Zurück zur Pinne – Fahrt aufnehmen, um zu wenden. Der Motor läuft noch, das Groß ist nicht richtig durchgesetzt. Gefummel am Baum , Konzentration worauf? Dann ein Ruck. Wir sitzen fest – Grundberührung. Auch das noch! Mit Motor volle Kraft hart nach Backbord, volle Kraft hart nach Steuerbord, durch die Schräglage lösen wir uns endlich vom Grund. Wir sind frei.
Ach ja, da war ja noch Henry – also Henry auf Kurs – wie geht das noch? Jetzt kann ich ihm das Ruder überlassen, das gibt mir etwas Luft, um alles klar zu machen. Dann in erheblicher Krängung der erste lange Schlag zwischen Festland und Insel Pampus hindurch. Henry steuert die Pinne und ich kann mich auf Segel und Kurs konzentrieren. Aber was ist das? In einer heftigen Bö rutscht Henry mit einem Mal durch und hält den Kurs nicht mehr. Nun hat sich Shikari gerade etwas an mich gewöhnt, da versagt mir Henry seinen Dienst! Also muss ich wieder alles allein machen.
Aber jetzt läuft Shikari. Wow, was für ein tolles und erhabenes Gefühl, nur mit eigener Kraft und der Kraft des Windes durch die Wellen zu zischen. Ich bastele mir eine Seilsteuerung und kann dabei noch eine SMS an Jan absetzen: „Shikari läuft wie verrückt, 6,5 kn nach GPS über Grund! Wie ist das möglich?“ Bei 5,80 m LWL darf sie theoretisch nur 5,85 kn laufen. Eine tolle, wilde Lady eben, und das trotz ihrer etwas zu stark geratenen Hüften. Die langen Schläge auf dem Markermeer bringen etwas Ruhe ins Geschehen. Gut, dass ich bei der erheblichen Schräglage mit vollem Tuch – auch die Genua habe ich nicht gerefft – voll auf den Kiel mit 850 kg Ballast vertrauen kann. Ich muss noch vor Sonnenuntergang in Lelystad ankommen. Gut dass es Juni ist und die Sonne erst gegen 22:00 untergeht. Ich kann mich jetzt voll auf den Kreuzkurz konzentrieren. Leider sind meine Karten von der Staande Mastroute nicht allzu gut, da sie nur die Küstenlinie abbilden. Aber beim letzten Büchsenlicht habe ich es geschafft. Kurz vor dem Hafen bockt Shikari noch einmal erheblich, da die Seilsteuerung doch nicht so gut funktioniert, während ich auf dem Deck herumturnen muss, um das Groß zu bergen und die Fender herauszuhängen. Der traumhafte Sonnenuntergang belohnt meine erste Segelerfahrung mit Shikari.
Am nächsten Morgen bei strahlendem Juni-Wetter in Ruhe noch einmal alles ansehen und durchgehen. Beschäftigung mit einigen Unzulänglichkeiten: Der Versuch Henry zu reparieren misslingt, der Gaskocher ist ebenfalls nicht in Gang zu setzen. Schließlich setze ich meine Fahrt gegen 14:00 bei strahlendem Sonnenschein aber wenig Wind fort. Nach der Houtribsluizen, die Markermeer vom Ijisselmeer trennt, schläft der Wind vollends ein. Das berüchtigte Ijsselmeer zeigt sich von seiner zahmsten Seite. Leider wieder motoren über einen total blanken Hans, das Wasser wie ein Spiegel, am Ufer hunderte von bewegungslosen Windrädern. Festmachen in Lemmer um 21:00 in einem Seitenkanal des Prinses-Margeriet-Kanal.

Prinses-Margeriet-Kanal quer durch Westfriesland
Am nächsten Tag ist das Wetter wieder umgeschlagen. Es weht mit 5-6 bft. aus N. Sowie sich der Kanal etwas öffnet, setze ich Segel, auch wenn es nur ein kurzes Stück ist und ich in den flachen Gewässern immer Angst vor Grundberührung habe. Aber jetzt achte ich schon etwas mehr auf das Echolot. Das anschließende Sneekermeer auf dem Weg nach Leeuwarden kann ich leider nicht unter Segeln befahren, zu flach für meinen 1,50 m Kiel. Henry verweigert mir immer noch die Gefolgschaft. Steuere wieder mit der unsicheren Seilsteuerung, in den Kanälen nervend, da ich kaum mal unter Deck gehen kann. Ernähre mich deshalb während der Fahrt von Äpfeln. Auch mal gesund, und dazu die frische Luft, da braucht man keinen Arzt. Ich genieße die friesisch friedliche Landschaft mit saftigen Wiesen, hübschen reetgedeckten Häuschen, liebevoll restaurierten Plattbodenschiffen und alten Mühlen, die die holländische Idylle komplettieren. Ja, wie wär`s denn mit einem schönen Erinnerungsfoto vor alter Klappbrücke mit Mühle im Hintergrund?
Wir müssen vor der Brücke warten. Kurz an Land – nein falsche Position für ein Foto mit der Mühle. Also schnell auf die andere Kanalseite geschippert – da macht es Plopp, einfach nur Plopp, aber es war ein untrügliches Geräusch, ich weiß es sofort: Das war meine Kamera, die ich nur mal kurz aus der Hand gelegt hatte.
Mal wieder eine neue Erfahrung. Was beim Segeln herunterfällt, ist meist unwiederbringlich verloren: Im tiefen modrigen Wasser. Aber nicht genug damit, es ist wohl heute nicht mein Tag. Bei der Einfahrt in die Zuider See zieht sich der Himmel zusammen, es wird rabenschwarz, Blitze zucken. Ich kann mir gerade noch meine Jacke aus dem Spind angeln, da fängt es an wie aus Kannen zu schütten. Ich versuche mich bei schlechter Sicht und dem jetzt offenen, aber trügerischen Flachwasser nach Kartenplotter und Fahrwassertonnen zu orientieren. Die Karte zeigt, dass man sich möglichst im Fahrwasser bewegen sollte. Aber das ist gar nicht so leicht auszumachen. Dann fällt der Kartenplotter aus, ein Navigationsinstrument nach dem anderen verabschiedet sich. Ich bleibe im Schlick stecken. Motor an, volle Kraft Backbord, Steuerbord, das Ganze ein paarmal, hier möchte ich nicht steckenbleiben, ich bin der einzige Segler auf weiter Flur. Es gelingt mir, wieder freizukommen und ich rette mich schließlich in den Jachthafen Hunzegat in Zoutkamp. Weiter kann ich nicht, da ich noch nicht einmal die nächste Brücke anrufen kann. Auch mein Marifon (wie die Holländer das VHF nennen) hat seinen Geist aufgegeben. Ich inspiziere alle Kabel und Leitungen auf Feuchtigkeit, es konnte ja nur vom Regen sein. Aber Fehlanzeige. Alles trocken. Dann kann es wohl nur an Kontakten am Masttop liegen.

Ich habe Strom im Hafen und genieße bei Regen meine kleine gemütliche Kajüte.
Am nächsten Morgen zunächst kein Regen. Alle Instrumente gehen erstaunlicherweise wieder. Was für ein Wunder! Dann wird es immer stürmischer und regnerischer. Ich bin der einzige Segler, der bei diesem Wetter unter freiem Himmel an der Pinne steht. Ich habe kurze Hosen an und Sandalen, damit der Regen ablaufen kann, aber oben eine hervorragend wind- und wasserdichte Segeljacke, die ich mir vor Jahren auf einer Messe geleistet habe – wahrscheinlich in Vorahnung auf den heutigen Tag. Aber so merkwürdig es klingt – ich genieße den Tag, den Naturgewalten ausgesetzt.
Vor Groningen wird wieder ein Konvoi gebildet, um die 14 Brücken über die verwinkelten Kanäle zu passieren. Ich bin weiterhin der einzige Segler im Konvoi. Zum Schluss werde ich noch durch besseres Wetter und einen freien Liegeplatz im Stadthafen von Groningen belohnt.

Den nächsten Tag gebe ich mir frei, durchstreife die schöne Stadt Groningen, ernähre mich von Kaas und Matjes und erwerbe eine neue Kamera – viel günstiger und besser als die alte. Wozu doch ein Verlust gut ist! Nur um die Bilder vom idyllischen Westfriesland tut es mir leid.
Der 23.06. ist der Tag, an dem ich Holland verlassen werde. Der Regen hat sich verzogen, der Wind bläst wieder mit 5-6 bft. aus SSW, so dass ich sogar auf dem breiten, schnurgeraden Eemskanaal vor Delfzijl segeln kann. In die letzte Schleuse vor dem Dollart werde ich förmlich hineingeblasen. Ich springe wieder wie ein Hutzelmännchen von vorn nach hinten, um Fender auszubringen, Leinen klarzumachen und das Boot an der Spundwand festzuzurren. In der Hektik verliere ich einen Fender und in der Suche nach Enterhaken entere ich fast ein anderes Schiff. Noch mal gut gegangen, aber der Fender wird, vom Winde verweht, in den Schleusentoren zermalmt. Dafür genieße ich anschließend die rauschende Fahrt durch die Gischt auf dem Dollart unter vollen Segeln bis in den Außenhafen von Emden. Der SW-Wind steht voll auf der Hafeneinfahrt. Aber, wie heißt es unter Seglern: „Du sollst den Abend nicht vor dem Anlegen loben“.

Als etwas erfahrener Einhandsegler weiß ich ja nun, dass ich mir Zeit beim Bergen der Segel nehmen muss. Motor an zum besseren Manövrieren. Ich habe noch genug Freiraum zum Emdener Yachtclub. Das Groß ist geborgen. Nur noch die Fock einrollen.
Eine heftige Bö reißt mir dabei die Schot aus der Hand. Die Leeschot wirbelt eine auf Deck befindliche Leine hoch, die sich sofort um die Schot wickelt. Da ist es mit meiner Ruhe vorbei. Ich stürze nach vorn, um beide zu bergen, da löst sich das Ende – aber nur teilweise, nun aber lang genug, um ins Wasser zu fallen und in den Propeller zu geraten. Der Motor ruckelt, stoppt. Schot und Leine sind straff zwischen halb eingedrehter Genua und Propeller gespannt. Wir treiben auf eine Stahlslup am ersten Anleger zu. Ich stürze nach hinten, stolpere ins Cockpit, starte den Motor und reiße im letzten Moment den Hebel in den Rückwärtsgang. Der Motor heult auf, die Leine löst sich aus dem Propeller, ein Ruck rückwärts und … vorne wird der Bugkorb abgerissen, der sich gerade hinter einer Bordwandausbuchtung der Slup verhakt hatte. Ich hätte heulen können, ich war sauer und beleidigt, weil ich offensichtlich doch noch nichts gelernt hatte.

Die Leute im Segelclub waren freundlich zu mir. Sie nannten mir einen Yachtservice, den ich am nächsten Tag aufsuchen konnte. Glücklicherweise war Sonntagabend und das Wochenende vorbei.

Von Emden zum Nord-Ostsee-Kanal
Voller Selbstzweifel laufe ich am Montagmorgen in die große Emdener Seeschleuse ein und mache gegenüber einem Containerriesen hinter einem Polizeiboot fest, immer noch peinlich berührt von meinem zerstörten Bugkorb. Egon, der Chef des Emdener Yachtservice, empfängt mich mit warmen, herzlichen Worten: „Ach, `junger Mann ́, was denken Sie, was den Yachties alles so passiert. Das ist doch nicht schlimm. Spannen Sie mal aus. Wir machen das schon, außerdem müssen wir ja auch was verdienen. Sie müssen nur etwas Zeit mitbringen. Hier ist ein Fahrrad, damit können Sie solange Emden unsicher machen (lacht) und duschen können Sie da oben auch. Paul, unser Laminierer, ist gerade bei den Windrädern zugange. Er kriegt das wieder hin.“
Das tat gut, selbst wenn Egon im weiteren Verlauf des Geschehens nicht mehr viel beitrug, außer die Rechnung zu präsentieren. Er lässt lieber arbeiten. Paul macht sich am Nachmittag gleich an die Arbeit, aber den verzogenen Bugkorb kann er auch nicht richten. Dafür hilft Heinz umso mehr, ein genialer Handwerker, der praktisch alles kann. Auf meine Bewunderung hin meint er: „das liegt bei mir in den Genen“ und erzählt mir faszinierende Stories aus seinem Leben. Ich gehe praktisch zwei Tage bei ihm in die Bootsbauerlehre.
Zwischenzeitlich informiere ich mich über Tidenzeiten, Wetter und die Gefahren des Wattenmeeres, vor dem ich schon bannig Hochachtung habe, besonders seit ich gelesen hatte, dass in den Kreuzseen sogar Seenotrettungskreutzer gekentert sind. Draußen auf der Nordsee herrschte Sturm mit 6-8 bft. mit 2-3 m hohen Wellen. Die wichtigste Botschaft: Niemals bei ablaufenden Wasser übers Wattenmeer!!! „Mein Bruder musste dort mal 4 Tage ausharren, ehe es weiter ging“, gab mir Heinz mit auf den Weg. Das kann schon Furcht einflößen, wenn man sich vorstellt, dass man einem Kielboot erst trocken fällt und dann die Flut wie ein galoppierendes Pferd in die offene Flanke prescht.

Am 3. Tag ist alles geschafft, ich verabschiede mich mit Kuchen und Apfelschorle von meinen tüchtigen Helfern. Und alle sind froh, besonders Egon, weil er wieder was verdient hat.
In der Seeschleuse konsultiere ich noch einen erfahrenen Seemann, der mich zur Eile antreibt, um bis zum auflaufenden Wasser das Wattenmeer zu erreichen. In der Emsmündung steht der Wind direkt auf Bug und ich muss erst einmal motoren. Aber dann läuft es hart am Wind wie geschmiert. Ich erreiche das Wattenmeer bei auflaufendem Wasser und beschließe, Juist links liegen zu lassen und gleich bis Norderney durchzulaufen. Der WNW-Wind drückte mit 5-6 bft reichlich Wasser hinter die Inseln. Ich werde übermütig und wähle einige Abkürzungen außerhalb des betonnten Fahrwassers, da ja die Seekarte 2,5 m Tiefgang ausweist. Ich lande sicher aber sturmerprobt im geschützten Norderneyer 5-Sterne-Yachthafen. Beim Hafenmeister erkundige ich mich nach den örtlichen Gegebenheiten und berichte über meine ersten Watterfahrungen:
„Sie haben abgekürzt? Das ist aber gefährlich!“ raunt er. „Aber der Tiefgang war auf der Karte mit 2,5 angegeben“ halte ich dagegen. „Dann haben Sie wohl übersehen, dass unter der 2 ein Strich war. Das bedeutet 2 m über Normal, also eine Sandbank“ schmunzelte er. Also war meine rasante Fahrt nur dem Winddruck zu verdanken. Wieder was gelernt!

Auf Norderney gönne ich mir zwei Hafentage. Kein Segler läuft wegen Starkwind und 2-3 m Wellen auf die Nordsee aus.
Am 3. Tag wage ich dann den Ausritt und bin als einer der ersten Segler draußen. Der Wind hat auf 4-5 bft. abflaut, allerdings direkt von achtern und bei der noch erheblichen Dünung eine etwas unglückliche Position. Das Boot wird praktisch vor dem Wind über die Wellen geschoben. Ich wechsele zwischen normalem Raumschots- und Schmetterlings-Segeln. Insbesondere die Genua wird von der Dünung stark beansprucht. Wenigstens funktioniert Henry wieder und versieht bereitwillig seinen Dienst (ein Tropfen Sekundenkleber hatte geholfen). So kann ich etwas entspannen.
Doch – da kann etwas nicht stimmen! Die Genua schlackert vollkommen unkontrolliert am Vorstag mitsamt der Rollvorrichtung hin und her. Der Bolzen hat sich gelöst und unerklärlicherweise der Ankerbolzen gleich mit, den ich in Emden noch mit einem neuen Bolzen, allerdings mit Patentfallverschluss, versehen hatte. Ich besehe mir den Schaden, weiß aber zunächst keinen Rat, da ich keinen passenden Bolzen an Bord habe. Schließlich komme ich auf die Idee, die Rollreffanlage mit einem Schraubenzieher zu sichern. Eine nicht ganz einfache Übung, da ich mich über den Bug beugen muss und ständig der Gefahr aussetze, dass mein Kopf zwischen Bugkorb und der hin und her schlagenden Rolle der Reffanlage zerschmettert wird. Schließlich gelingt es mir und ich kann mich wieder meinem 67-sm-Törn nach Cuxhaven zuwenden.
Kurz vor der Elbmündung, die ich wegen der starken Strömung unbedingt mit auflaufendem Wasser erreichen musste, geht der Schraubenzieher wieder flöten.
Wieder schlägt die Rolle gegen den Bugkorb. Etwas routinierter setze ich meinen letzten Schraubenzieher ein und sichere ihn zusätzlich. Offenbar ist mir aber die Anstrengung anzusehen, denn plötzlich schießen ein paar Schweinswale in Armeslänge an mir vorbei, wieder und wieder, bis ich fertig bin, als wollen sie mir bedeuten: „Wenn du ins Wasser fällst, fangen wir dich auf.“
Einige Seehundköpfe hatten schon mal neugierig aus dem Wasser gelugt, aber Schweinswale zum Greifen nah – das ist schon eine besondere Begegnung. Schön, dass es diese Tiere in der Nordsee noch gibt!
Ich erreiche Cuxhaven beim letzten Büchsenlicht, und der gegenüberliegende Segler, offenbar ein Segellehrer meint: „Da haben Sie aber Glück gehabt, dass ihr Mast nicht herunter gekommen ist. Ihr Vorstag ist ja gar nicht fest.“ So hat der achterliche Wind neben Problemen auch seine gute Seite und natürlich die starken Wanten meiner Shikari.
Den Vormittag des nächsten Tages bringe ich damit zu, die passenden Bolzen zu besorgen und Instrumente zu basteln, mit denen ich das Auge des Vorstags wieder aus der Rolle der Reffanlage bugsieren kann, das dort hineingerutscht war und jetzt natürlich unter erheblichem Zug steht. Erst gegen 17:00 h komme ich deshalb vom SVC weg, allerdings mit der Genugtuung, wieder segeltüchtig zu sein.
In der goldenen Abendsonne segele ich bei kräftigen WSW-Winden auf Halbwindkurs die breite Elbmündung hinauf bis zum Eingang des NO-Kanals in Brunsbüttel. Die Stimmung wird noch getopt durch eine Viermastbark, die frisch von der Kieler Woche kommend aus dem Kanal ausläuft und jetzt zusammen mit einem Containerriesen und einer Segeljacht ein romantisches Bild in der goldenen Abendsonne abgibt.
Da ich so viel Zeit verloren habe, will ich nicht gleich wieder in Brunsbüttel nächtigen und fahre noch bis spät in die Abenddämmerung bis Km 20,5, wo man in einer Ausbuchtung des Kanals an Duckdalben für die Nacht festmachen kann.

Vom NO-Kanal bis nach Stettin
Der Nord-Ostsee-Kanal ist problemlos zu befahren, wenn man auf passierende und entgegenkommende große Pötte aufpasst. Die Brücken sind alle hoch genug, aber an Segeln, was grundsätzlich erlaubt ist, ist durch die hohe Landabdeckung nicht zu denken. Also heißt es ziemlich eintönig zu motoren und sich an der Landschaft und den vielen Wasservögeln zu erfreuen. Zu zweit könnte man mehr genießen, allein muss man doch ständig auf der Hut sein. Obwohl ich nicht der Schnellste mit meinem Bötchen bin, erreiche ich die Schleuse Kiel Holtenau gegen 16:00. Die schnelleren Boote mussten auf Öffnung der Schleuse warten, sodass wir gemeinsam passieren. Festmachen in Kiel an der Blücherbrücke. Ich brauche eine Ewigkeit dazu, da ich noch keine Erfahrung mit den langen Bootsständen dort habe.
Am nächsten Morgen will ich im Edel-Yacht-Hafen von Laboe meine Rollreffanlage noch einmal überprüfen lassen, die noch nicht richtig wieder funktioniert. Ich werde zunächst vertröstet; es sei noch nicht sicher, wann ein Mechaniker Zeit hätte. Das war wohl nicht meine Kragenweite. Ich verlasse Laboe, muss mich beeilen, da sich über Kiel ein Gewitter zusammenbraut. Bei mauem Wind auf 2-3 bft. abnehmend, segele ich nach Fehmarnsund z.T. mit Motorunterstützung, um dem Gewitter zu entfliehen. Bei Einbruch der Dämmerung in Sichtweite der Fehmarnsundbrücke traue ich meinen Augen nicht. Ein Instrument nach dem anderen verabschiedete sich, so wie damals in der Zuidersee, nur regnete es diesmal nicht. Im kleinen Yachthafen von Fehmarnsund mache ich mich auf die Suche nach einem Segelmacher für die Rollreffanlage und einem Schiffselektriker. Ehepaar Sultan lädt mich auf ihren exklusiven Motorsegler ein. Selten habe ich eine so perfekte Holzarbeit gesehen. Die Yacht war nach alten Plänen hier auf der Werft entstanden. Sie geben mir Telefonnummern und Tipps für meine Expertensuche.
Am nächsten Morgen steht der Schiffselektriker schon auf dem Steg. Der kräftige Mann zwängt sich in meine kleine Kajüte und misst alles durch. Er hat sein Handwerk gelernt als Elektriker auf der Werft und für die Marine. Aber er kann keinen Fehler entdecken. „Dann sehen wir uns doch mal die Batteriekontakte an. Da haben wir`s, total versifft, konnten ja gar nicht laden!“
Ich kann es nicht glauben; und das bei meinem ordentlichen Jan, der alle Elektrik an Bord selbst verlegt hatte. Jetzt wird mir auch das Dilemma allerdings auch klar: Immer wenn ich die Batterie im Hafen nicht aufgeladen hatte und Henry sich eifrig bemühen musste, lief sie leer und ein Gerät nach dem anderen verabschiedete sich. Nix mit Feuchtigkeit am Masttop! Ich war froh, dass das geregelt war, aber halbe Stunde Arbeit: 80,– €.
Ähnlich war es mit der Rollreffanlage. Unerfahrenheit muss bestraft werden. Rollreff am Stag mal richtig durchgeholt, einmal abgewickelt und wieder aufgewickelt, und der Kittel war geflickt. 30,– €, selbst schuld.

Ich verabschiede mich von den netten Sultans und nehme Kurs zunächst auf Kühlungsborn, später direkt auf Warnemünde. Leider beginnt dann der Wind an diesem Tag fast völlig einzuschlafen, sodass ich am Schluss doch noch den Motor zur Hilfe nehmen muss. Wow, diese Yachthäfen im Osten: Wirklich vom Feinsten, wie der YH `Hohe Düne ́ mit allem Komfort, und das zu fairen Preisen.
Am nächsten Morgen starte ich früh um 8:00 h. Ich habe einen langen Törn bis Stralsund vor mir. Es hat wieder aufgebriest mit 3-4 bft aus WSW, nicht gerade üppig für meine behäbige Flunder (wie Ute, meine Stegnachbarin, zu lästern pflegt). Trotzdem wird es einer der schönsten Törns, die ich je gemacht habe. Zunächst mit halbem Wind die langgezogene Küste von Fischland Darß entlang, dann vor dem Wind mit Schmetterlingsflügeln um die Nordspitze herum und die Küste von Zingst entlang, um mich vor Hiddensee dem Kubitzer Bodden zuzuwenden. Weiße Segler kreuzen meinen Weg, oder prallgefüllte Spinnacker, die farbenprächtig in der Sonne glänzen. Ich wäre auch gerne mit Spi gesegelt. Meine Ausstattung lässt das sogar zu, aber ich traue mich nicht. Ich hatte das noch nie gemacht, und dann gleich alleine? Auch so komme ich an mein Ziel.
Weiter unter Segeln in Kreuzschlägen den Windungen der Stralsunder Wasserstraße folgend. Die alte Hansestadt erstrahlt im wahrsten Sinne des Wortes im Licht der Abendsonne. Man merkt, jetzt wird es Sommer, obwohl die Nächte für Juni immer noch viel zu kühl sind. Der Stadthafen etwas ernüchternd, aber wunderbar zentral gelegen für Kneipen und Shoppingbummel in der Altstadt.

Den Morgen des 6. Juni verbummle ich ein wenig mit Einkäufen, deshalb lege ich erst gegen 12:30h ab. Eigentlich viel zu spät, denn der Wind lässt keine hohen Geschwindigkeiten zu. Vor Einfahrt der Peenemündung bin ich so fasziniert von den vielen Schwänen und Kormoranen, dass ich wieder mal auf Grund laufe. Der Schlick klebt erheblich, aber ich habe ja nun Erfahrung mit dem Loskommen. Vor Wolgast warten einige Segler vor der großen Straßenklappbrücke. Es ist 19:15 h, aber die Brücke soll erst um 19:45 h öffnen. Deshalb angele ich mir den nächsten Liegeplatz und amüsiere mich auf dem Wolgaster Hafenfest mit großartigem Feuerwerk.
Hätte ich mal lieber doch gewartet und wäre in den Hafen eingelaufen!

Am Morgen hatte ich dann vor, die Brücke um 8:00 h zu passieren, aber sie wurde schon um 7:15 h hochgezogen. Als ich endlich mit allem klar bin, ist es schon zu spät. Dann eben eine Stunde später! Aber Pustekuchen, nächste Öffnung erst um 12:00 h. Deutschland ist eben nicht Holland. Das heißt Planänderung. Statt Stettin zu erreichen, suche ich mir einen Hafen im Stettiner Haff aus. An der Zecheriner Klappbrücke passt meine Ankunftszeit. Um 16:45 h Durchfahrt, zwei Schleifen noch – schon unter vollen Segeln – und dann full speed bei guter Windstärke 4 ins Stettiner Haff. Ein herrliches Segelrevier, wenig Welle, idealer Halbwindkurs.
Ich muss an meine Eltern denken, die aus Stettin stammten und nach dem Krieg nach Hamburg vertrieben wurden. Sie hatten mir so oft von ihrer wunderschönen Pommerschen Heimat erzählt. Ich hätte sie gerne auf diesen Törn mitgenommen.

Als Etappenziel hatte ich entsprechend der fortgeschrittenen Zeit den kleinen Hafen Altwarp ausgeguckt, direkt an der polnischen Grenze. Nun muss ich mich sputen, ihn noch vor Dunkelheit zu erreichen, denn die Hafeneinfahrt ist für Unkundige als nicht einfach beschrieben. Um 20:30 habe ich es dann aber geschafft, allerdings gibt es in dem kleinen Kaff am Haff nichts mehr. Nicht mal eine offene Kneipe.
Eines meiner größten Probleme liegt noch vor mir: das Mastlegen in Stettin. Deshalb spute ich mich am nächsten Morgen, Der Wind lässt zu wünschen übrig und ich muss einige Untiefen umschiffen. In der Einfahrt zur Odermündung schludere ich mal wieder etwas neben der Fahrrinne, weil ich durch die Strömung behindert, Zeit gewinnen will. Prompt hänge ich wieder fest. Aber nur kurz. Mit Segel- und Motorkraft gegen die heftige Strömung der Oder erreiche ich dann endlich gegen 20:00 h die Marina Goclaw in Stettin Nord. Immerhin 12 Stunden Fahrt für 75 km, aber durch die starke Strömung der Oder teilweise nur mit 2 Kn.

Nun mein kleiner Alptraum, der sich aber bald in Wohlgefallen aufzulösen scheint. Neben mir im Hafen von Goclaw liegt eine Berliner 2-Generationen-Familie mit zwei Booten. Ich habe selten so etwas Hilfsbereites erlebt. Achim, der Opa, verfügte mit seinen stolzen 73 Jahren über 65 Jahre Segelerfahrung. Das Mastlegen ist überhaupt kein Problem für ihn, er kommt mit meinem Mastaufrichtgestänge, das mir Jan mitgegeben hat, glänzend zurecht. Ich stehe meist nur mit großen Augen staunend daneben. Natürlich habe ich nichts dabei, um den Mast aufzubocken. Nun helfen ein paar Bohlen von der Marina und meine klappbare Sackkarre von der Bahnfahrt. Achim nennt das meine Mausefalle, die jeden Augenblick zusammenklappen könne. Aber sie tut es nicht und erfüllt – natürlich mit vielen Seilen und Gurten gesichert und verzurrt – bis Berlin hervorragend ihren Dienst. Um 21:30 h sind wir fertig und ich lade die Familie noch zu erfrischendem polnischen Bier in der Marina-Kneipe ein. Bis tief in die sommerliche Dämmerung hinein gilt es noch so manche Story und auch Seemannslatein auszutauschen.

Von Goclaw kann man wunderbar und bequem mit der alten schaukelnden und ruckelnden Straßenbahn ins Stettiner Zentrum zur Hakenterrasse fahren. Wie oft hatten mir meine Eltern davon erzählt. Sie waren stolz auf ihre Stadt. Und nun? Morgens um 10:00 h ist die Innenstadt nahezu verweist. Die einzigen modernen und schönen Gebäude sind die liebevoll restaurierten Kirchen, neue Banken und Einkaufzentren. Man merkt, dass die neuen Bürger aus dem Osten sich auch in der zweiten Generation noch immer nicht so recht mit ihrer „neuen“ Umgebung angefreundet haben. Es sieht nach Wohn- und Arbeitsstadt aus, nicht nach Heimat.

Endspurt von Stettin nach Berlin
Der Rest ist nun schon fast Routine. Ich muss nicht mehr auf Wind, Wellen und Strömung achten, keine Hektik, fast nichts Unerwartetes mehr. Ein ruhiges Dahingleiten, das nur durch das gleichmäßige Tuckern meines Diesels gestört wird. Könnte ich mich jetzt voll auf Henry verlassen, könnte ich auf dem geraden Oderkanal sogar in einer Ecke der Plicht ein schönes Buch lesen. Aber Henry entfaltet ab und an so seine Tücken. Leichte Bugwellen von anderen Schiffen oder entgegenkommende Böen scheinen ihn empfindlich zu stören und aus dem Kurs zu bringen, was sich natürlich auf einem Kanal erheblich bemerkbar macht. Unter Brücken steuert Henry urplötzlich in Richtung Brückenpfeiler, offensichtlich irritiert durch irgendwelche elektromagnetischen Felder. Das bedeutet, dass ich weiterhin angestrengt nach irgendwelchen entgegenkommenden Hindernissen Ausschau halte, zwischendurch in die Kajüte sprinte, um in aller Eile etwas zusammenzukramen oder den Gaskocher für einen Kaffee anzuschmeißen – und danach in Erwartung irgendwelcher schrecklicher Ereignisse wieder nach oben zu hechten. Trotzdem genieße ich die Fahrt an lieblichen Auen und tiefen Wäldern entlang. Ich hatte mir in Stralsund noch das komplette Kartenmaterial für die Oderkanäle bis Berlin besorgt. Was allerdings fehlt, oder was ich nicht entdecken kann, sind geeignete Halteplätze und vor allem Tankstellen. So bin ich froh, dass ich gegen Abend des 9.06. im Wassersportverein Schwedt freundlich aufgenommen werde.
Allerdings verlasse ich den gastlichen Hafen schon früh am Morgen vor 8:00 h, da ich mir vorgenommen habe an diesem Tag noch Berlin zu erreichen.
112 km und zwei Schleusen liegen noch vor mir, mein längster Törn überhaupt. Aber jeder weiß ja, wenn die Pferde den Stall wittern, fangen sie an zu rennen. So geht es auch mir. Gegen 13:00 h erhebt sich das gewaltige Schiffshebewerk Niederfinow vor mir; eine großartige Ingenieursleistung des beginnenden 20. Jahrhunderts. Ein Trog von knapp 4300 ts Gewicht wird mit nur vier Gleichstrom-Elektromotoren a 55 KW innerhalb von fünf Minuten 36 m im Fahrstuhlbetrieb hochgehievt, egal wie viele Schiffe sich darin befinden. Weit über den Baumgipfeln komme ich mir da oben auf meinem Boot vor wie der König von Preußen. Auch noch kostenlos wird das zur Verfügung gestellt!

Sozusagen im 12. Stockwerk geht es dann auf der Havel-Oder-Wasserstraße weiter. Das neue Hebewerk mit doppelter Hebeleistung, das daneben schon fast fertig zu betrachten ist, soll nächstes oder übernächstes Jahr oder… (siehe BER) in Betrieb gehen.
Die Fahrt entlang der tiefen märkischen Wälder verläuft problemlos, obwohl dem neuen schon verbreiterten Kanal teilweise doch die Romantik fehlt. Trotzdem spürte ich zunehmend Unruhe; hatte ich, obwohl in Stettin aufgefüllt, genug Sprit im Tank? Schiffstankstellen gibt es auf der ganzen Strecke nicht und mit dem Anlegen bei 1,50 m Tiefgang ist es auch mau. Schließlich entschließe ich mich, an einer Spundwand anzulegen, um meinen Tank aus dem 40 l Kanister, den mir Jan großzügiger weise (gefüllt!) mitgegeben hatte, nachzufüllen. Ein nicht ganz einfaches und sauberes Unterfangen. Ich muss mich jetzt sputen, denn es ist schon Spätnachmittag. Gegen 19:00 h erreiche ich endlich die Lehnitzer Schleuse. Wartezeit 45 Minuten, dabei habe ich noch 22 km vor mir.
Ich würde hier gerne noch verweilen, überall Sommerabend am Kanal. Allmählich kommen auch die Tiere mit beginnender Dämmerung aus ihren Verstecken. Bisamratten kreuzen hastig meinen Weg und auch die Biber, deren angespitzte Baumstämme ich schon auf der Strecke gesehen hatte, sind auf dem Weg zu ihrer Nachtarbeit. Eigentlich wollte ich es noch vor Einbruch der Dunkelheit geschafft haben. Mindestens eine meiner Positionsleuchten hat Wackelkontakt, und ich will als Deutsch-Holländer am Schluss nicht noch unangenehm auffallen. Kurz nach 22:00 flüchte ich mich schließlich in den VIP-Yachthafen in Heiligensee, nachdem ich mich höflich erkundigt hatte, ob ich dort eine Nacht liegen dürfte. Ich habe es geschafft, ich bin fast zu Hause und darf nun auch den Abend nach dem Anlegen loben.

Allerdings fährt zu dieser Zeit kein Bus mehr und ich darf die letzten 5 Km noch nach Konradshöhe laufen. …. aber das hatte ich ja auch lange nicht mehr getan.